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Reflexionen. Architekturtheorie und Zeitgeist II. Karin Wilhelm im Gespräch mit David Kasparek Aus Anlass des vierzigjährigen Bestehens des Instituts Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGMA) der Universität Stuttgart wurde unter Leitung des Institutsvorstands Gerd de Bruyn im November 2008 ein zweitägiges Symposium abgehalten, das der architekt in seiner Ausgabe 1/09 dokumentierte. Am Rande des Symposiums entstand dieses Interview.

David Kasparek Hat Architekturtheorie sich verselbständigt? Wird die Theorie der Theorie halber gefeiert, ist sie weithin ohne Praxisbezug?
Karin Wilhelm Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass die Architekturtheorie – mehr oder weniger – in den vergangenen Jahren einen ähnlichen Weg eingeschlagen hat wie die Architektur selbst. Sie hat ihren Platz im Rahmen verwertbarer, marktorientierter Diskurse bezogen. Das, was heute zuweilen unter dem Stichwort der „Theorie“ verhandelt wird, sind Reflexionen, die mehr oder weniger als Bestandteile von Verkaufsstrategien für ausgewählte Architekturkonzepte herhalten. Das gehört schon seit langem zur Architekturproduktion dazu, wie im übrigen auch zu den bildenden Künsten, und häufig genug sind die Ergebnisse entsprechend oberflächlich.
Von praktizierenden Architekten hört man andererseits die Frage, was denn Architekturtheorie eigentlich sei, wozu sie diene? In Beantwortung dieser Fragen muss man wohl unterscheiden zwischen jenen Konzepten, die von Architekten im Sinne von Entwurfsstrategien bereit gestellt werden und jenen Positionen, die, wie meine, vom Standpunkt der Kunst- und Kulturkritik her argumentieren. Ich bin Kunsthistorikerin, das heißt, ich versuche die Dinge der gebauten Umwelt zu verstehen und zu begreifen, mich interessiert der Kontext, die Frage, in welchen historischen, sozialen und ästhetischen Zusammenhängen die Architekturproduktion steht, also: wie funktioniert Architektur, welchen Anforderungen unterliegt sie, welche Interessen kommen in Gebäuden zum Tragen und welche Geschmacksorientierungen bilden Gebäude aus? Denn letztlich ist für mich die Architektur immer noch eine Kunstform, die im Öffentlichen rezipiert wird und insofern mit politischem Charakter auftritt – das meint aber nicht Politik als parteipolitische Kategorie.
Dazu gehören auch die Kategorien der klassischen Ästhetik: die Beurteilungen über die Form. Das heißt, Architekturtheorie ist etwas, was sich wirklich universalistisch orientieren muss und sich in diesem Sinne nicht als technokratisch orientiertes Handbuchwissen definiert. In dieser relativen Autonomie von der praktischen Verwertbarkeit besteht für mich ihre Bedeutung.

David Kasparek Ist es sinnvoll, zwischen einer Theorie, die sich Architekten für ihr praktisches Schaffen zurechtlegen, und einer Theorie als reflexives Beobachten zu unterscheiden?
Karin Wilhelm Ich halte diese Doppelung für vernünftig und richtig, sie funktioniert ja auch so. Denn entwerfende Architekten stellen Überlegungen dazu an, wie sie zum Entwurf kommen, nach welchen Kriterien sie formen. Das ist die eine Herangehensweise. Meine Position jedoch ist der Blick der Kulturwissenschaftlerin, die schaut, was aus den Projekten wird und welche Ideen tatsächlich Realität werden.
Betrachtet man die Renderings auf aktuellen Wettbewerbsplänen, bemerkt man, dass diese eine Welt produzieren, die es in dieser Hochglanzglätte so nicht gibt – die aber wunderbar funktioniert, gerade wenn es um Bauaufträge geht. Der virtuelle Charakter der Architektur, der ja auch theoretisch von fleißigen Helfern begleitet wird, ist heute Standard. Architekten müssen ihre eigene Theorie zum Entwerfen entwickeln, aber sie müssen sich auch darüber im Klaren sein, dass es wiederum Menschen gibt, die diese kommentieren. Das gehört, wie Sie wissen, zu unserer bürgerlichen Kultur dazu und hat sich mit der Literatur- oder Kunstkritik im 19. Jahrhundert entfaltet.

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David Kasparek Haben Sie den Eindruck, dass dieser geisteswissenschaftliche Ansatz der Architekturtheorie von bauenden Architekten eher belächelt und in die Sparte „Elfenbeinturm“ geschoben wird?
Karin Wilhelm Architekten sind in gewisser Weise arrogant (lacht). Das gehört zum Berufsbild dazu. Hinter den faszinie renden Überlegungen von Bruno Taut zu „Der Weltenbaumeister“ (1918 erstmals erschienen) beispielsweise, wirkte ja immer noch die Idee vom göttlichen Schöpfungsgedanken des „Ich kann alles“ nach, mit dem die Vorstellung vom Beruf des Architekten verbunden ist. Und es ist in der Tat beeindruckend, wenn man sieht, wie aus einer Idee eine gezeichnete Skizze wird und aus ihr schließlich ein veritables Gebäude, das für viele Menschen dienstbar ist und deren Verhaltensweisen formen kann. Das hat etwas Demiurgisches.
Die kritischen Geisteswissenschaftler werden demgegenüber natürlich als Störenfriede empfunden. Architekten nehmen sie heutzutage gerne in ihre Dienste, wenn sie sich dem Selbstbild als Claqueure einfügen lassen. Ansonsten kann man den Eindruck gewinnen, dass die Geisteswissenschaftler nicht so gern gesehene Zeitgenossen sind, da sie mit ihren Fragen Skepsis vor allem den Selbstinszenierungen von Architekten gegenüber provozieren. Es gab eine Zeit, da war das etwas anders. Die 68er beispielsweise: Dies war eine Zeit, in der viele geisteswissenschaftliche Anregungen auch von Architekten aktiv reflektiert wurden, beispielsweise ökonomisch-kulturelle Zusammenhänge und Normen, ohne deren Einflüsse Architektur ja gar nicht denkbar ist. In den Arbeiten von Rem Koolhaas sind die Auswirkungen jenes intellektuellen Raisonnements, teilweise auch brillant formuliert, wirksam geblieben. Aber was dann tatsächlich aus diesem Raisonnement wird, ob sich daraus Konsequenzen für die Architektur und den Stadtraum ergeben, ist eine andere Sache. Immer häufiger hat man den Eindruck, dass die Reflexion und die Praxis, auch widersprüchlich, unvermittelt nebeneinander stehen.
Als das Wundersamste dieser Art empfand ich auf der letzten Architektur Biennale in Venedig den Film Housewife. Der Film handelt von Rem Koolhaas’ Haus in der Nähe von Bordeaux. Dieses Haus wird beschrieben und gezeigt aus der Perspektive der Hausbesorgerin, einer Frau aus Spanien, die in Frankreich ihr Geld verdient. Sie lebt in diesem Haus und man sieht ihren Tagesablauf: wann, wo und welche Dinge sie im Haus in Betrieb nimmt, und dabei sieht man eben auch, dass diese technisch erstaunlichen Details teilweise nicht funktionieren, und zwar technisch wie habituell. Das ist sehr possierlich. Ich habe mich gefragt: Wie kann sich der Architekt Koolhaas, der doch ernst genommen werden will, tatsächlich mit einem solchen Film, der entlarvend ist, präsentieren? Bis ich verstanden habe: Rem Koolhaas ist so groß und berühmt, dass er sich das leisten kann. Selbst die ‚kleine Katastrophe‘ wird Teil eines Brandings. Dann kann man sich überlegen, was eine Architekturtheorie, wie sie von Geisteswissenschaftlern diskutiert wird, tatsächlich an Gewicht noch hat.

David Kasparek Glauben Sie, dass die aktuelle Architektenszene dadurch hervorsticht, dass jeder Architekt für sich eine eigene Theorie beansprucht, und meint, einen eigenen Stil zu bauen? Heutzutage werden fast nur noch Marken gekauft: die eine Stadt hat einen Hadid-Bau, die andere einen Koolhaas oder einen Richard Meier…
Karin Wilhelm Nein, das denke ich nicht. Architekturtheorien sind nicht auf Individualismen zuzuschneidern. Da uns alle die Sprache verbindet und wir über Sprache Themen kommunizieren, kommt man an bestimmten Begrifflichkeiten nicht vorbei Atmosphäre ist so ein Begriff, der benutzt wird und der auch entwurfsleitend werden kann. Beispielsweise das Diözesanmuseum Kolumba in Köln von Peter Zumthor. Ich war erstaunt, wie fein dort die Idee mit der Bearbeitung und dem Handwerk übereingestimmt hat. In manchen Räumen entsteht eine sehr sakrale Atmosphäre. Zumthor hat über Atmosphären ein kleines Buch geschrieben – hier liest man, dass bestimmte Reflexionen, die uns alle umtreiben, und die wir auch über bestimmte Begriffe vermitteln, ankommen und auch in diesen Zusammenhängen gedacht werden. Zudem lernt man, dass Architekten natürlich diebisch sind, sie bedienen sich gerne des Vokabulars anderer Wissensdisziplinen; ein legitimes Verfahren natürlich.

David Kasparek Der Begriff „Atmosphäre“ ist ein gutes Beispiel, der bei Zumthor eine zentrale Rolle spielt, aber auch schon bei Gernot Böhme zum Tragen kommt. Könnten solche Begriffe Ansätze sein, Theorien von Architekten auf eine grundsätzlichere Basis zurückzuführen?
Karin Wilhelm Ganz sicher. Es gibt einen Ansatz aus der Filmgeschichte, den ich sehr gut finde: Truffaut hat einmal ein Interview mit Alfred Hitchcock geführt und ihn gefragt: Wie haben Sie das gemacht, Mr. Hitchcock? Und darum geht es: die Analyse dessen, was jemand getan hat - dass wir uns darüber in bestimmten Begriffen verständigen und gleichzeitig mit diesen Begriffen arbeiten und versuchen, zu verstehen, wie die Dinge mit welcher Wirkung zustande kommen. Zum Beispiel lässt sich ein Raum in einem Zumthor-Gebäude genau beschreiben: was hat er gemacht, um eine bestimmte Idee räumlich und atmosphärisch zu transportieren? Wie und unter Einsatz welcher Mittel werden konzeptionelle Vorgaben anschaulich? Dies sind Prozesse, die man analysieren und auch begrifflich beschreiben kann. Die Architektur wird dann auch als gelungen oder missraten bewertbar.
Unsere soziale und gesellschaftliche Aufgabe ist die Reflexion. Zu sehen, ob etwas geht, ob ein Konzept aufgegangen ist, und in welchen Zusammenhängen es steht. Ich denke, dass Theorien vielschichtig sind. Es gibt nicht nur eine. Es gibt vielschichtige Ansätze, über die man verhandeln kann. Aber eine Frage muss die Architekturtheorie immer stellen: wie und für wen wird etwas hergestellt?

David Kasparek Frau Wilhelm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Karin Wilhelm (*1947) studierte Kunstgeschichte, Philosophie, Soziologie in Heidelberg, München, Berlin und Marburg. Nach verschiedenen Lehrtätigkeiten war sie von 1991 bis 2001 Ordinaria der Fakultät für Architektur der TU Graz. Seit 2001 ist Karin Wilhelm Professorin für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt an der TU Braunschweig. Karin Wilhelm publizierte zahlreiche Bücher zum Thema Architektur und ist Mitglied des Redaktionsbeirats der Zeitschrift der architekt.


Das Interview erschien in:

der architekt 1/09
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des Originalbeitrags