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Selbstbewusste Umsicht. Architekturtheorie und Wissenschaft I. Eduard Führ im Gespräch mit David Kasparek Aus Anlass des vierzigjährigen Bestehens des Instituts Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGMA) der Universität Stuttgart wurde unter Leitung des Institutsvorstands Gerd de Bruyn im November 2008 ein zweitägiges Symposium abgehalten, das der architekt in seiner Ausgabe 1/09 dokumentierte. Am Rande des Symposiums entstand dieses Interview.

David Kasparek Hat Architekturtheorie sich in unseren Zeiten verselbstständigt? Wird die Theorie der Theorie halber gefeiert, und ist sie weithin ohne Praxisbezug?
Eduard Führ Ich meine schon, dass sie sich verselbständigt hat, sehe dies jedoch nicht negativ. Theorie darf sich natürlich nicht abheben, sie muss sich aber verselbständigen, weil sie nur so fundiert über ihre eigenen Methoden und Ziele nachdenken kann. Lange Zeit gab es Architekturtheorie nur in der ‚direkten Rede’, um das einmal so zu sagen. Ich meine damit, dass sich Architekten zur Architektur, vorwiegend zur eigenen Architektur, geäußert haben. Seit etwa zehn Jahren gibt es gute Ansätze, dies nun auch methodisch zu reflektieren und damit den Wissenschaftsanspruch zu erhöhen. Hanno-Walter Kruft hatte hier den Anfang gemacht, es folgten mit etwas zeitlichem Abstand dann eine Fülle wichtiger Schriften zur Architekturtheorie, von denen ich hier nur die neueren handbuchähnlichen deutschsprachigen Werke von Fritz Neumeyer (2002), Ákos Moravánszky (2003), Gerd de Bruyn & Stephan Trüby (2003) und Achim Hahn (2008) nennen kann. Das Internet ist hierbei sehr hilfreich, es entstanden online angebotene Fachzeitschriften zur Theorie in der Architektur (Architronic 1992 – 1999, Wolkenkuckucksheim seit 1996) und die sehr gründlichen und hilfreichen H-net Besprechungen von Fachliteratur; immer mehr sind Quellen und Fachliteratur im Internet erschlossen. Durch kritische Besprechungen theoretischer Ansätze in der Tagespresse, in den Fachzeitschriften und im Internet etablierte sich so etwas wie ein kontinuierlicher methodischer Diskurs, der wiederum zur Folge hatte, dass Methoden, Positionen und die Aufgaben der Architekturtheorie reflektiert wurden.

David Kasparek Sehen Sie bei den praktizierenden Architekten ein Theoriedefizit?
Eduard Führ Man kann sicherlich nicht davon sprechen, dass Architekten ein Theoriedefizit haben. Allerdings wird Theorie unterschiedlich verstanden: man kann Theorie als Nachdenken über das eigene Tun, als Kommunikation mit peers, als Versuch einer Richtungsbestimmung, als Gewichtigmachen der eigenen Entwürfe oder als Marketing ausüben. Die Intensität der Beschäftigung mit theoretischen Fragen ist zudem abhängig von der Auslastung der Büros mit Entwürfen und mit dem jeweiligen mainstream der Architekturhaltungen. Wichtig war die Theorie in Zeiten von Postmoderne und Dekonstruktion, weil beide aus einem theoretischen Diskurszusammenhang entstanden. Bauende Architekten begannen zu erkennen, wie erforderlich es ist, sich mit Theorie zu beschäftigen. Sie gestanden sich ein, dass man dabei Unterstützung von Spezialisten braucht.
Architekturtheorie hatte einen gewissen Boom, nicht etwa wie nach dem 1. Weltkrieg, sowie im und nach dem 2. Weltkrieg, weil man da nicht bauen konnte und die Theorie als Ersatzhandlung betrieb, sondern weil Architektur auf einem anderen intellektuellen Level produziert wurde. Heutzutage ist es eher so, dass Theorie unwichtiger wird. Was man als ‚Zweite Moderne’ bezeichnet, ist weniger ein intellektueller Diskurs als eine ästhetische Haltung und eine gestalterische Leistung. Das bedauere ich nicht, im Gegenteil. Die Theorie muss sich dem nur anpassen und sich nun eher mit Kunstbegriffen, Interpretations- und Vermittlungstheorien beschäftigen. Auch bei den Megaprojekten in China und in den arabischen Ölländern, bei denen Theorie wohl als störend empfunden und eher zurückgewiesen wird, muss sich die Theorie aufdrängen und soziologische, baukulturelle und politische Diskurse begründen.
Ein Mangel besteht meiner Meinung beim Nachdenken über die Theorie als Theorie: Was ist das eigentlich, was wir da tun, wenn wir theoretisieren, wenn wir über Architektur sprechen? Was ist das, die Theorie? Wie unterscheidet sie sich von Wissenschaft? Und wie von Kunst? Geht das vielleicht sogar zusammen? Kann es sich gegenseitig stärken?

David Kasparek Könnte für die aktuelle Architektur in der Praxis wie auch in der Debatte eine Rückbesinnung auf Grundsätzlicheres, wie zum Beispiel auf die Frage „was ist Raum“, gut tun?
Eduard Führ Ich weiß nicht, ob man Rückbesinnung sagen soll, man kann das leicht als affirmativen Rückbezug oder sogar Rückzug, so wie es die ‚Alten’ in der Querelle des Anciens et des Modernes wollten, verstehen. Damit spreche ich gegen deren Methode, aber nicht gegen das Lesen der überlieferten Architekturtheorien. Um beim ‚Raum’ zu bleiben: man muss zu Schmarsow zurückgehen; allerdings nicht, um sich zu dessen Meinung über Raum zu retten, sondern um im Widerspruch zu ihm einen eigenen Raumbegriff zu entwickeln oder zu schärfen.
Rückbesinnung im Sinne von Umsicht, von Zurück-, nach Vorne- und zur Seite-Sehen, nicht um gemeinsame Begriffe zu finden, sondern um zu sehen, wie unterschiedlich beispielsweise der Begriff des Raums benutzt wird, das finde ich hilfreich. Denn je genauer man eine andere Position zu verstehen versucht, in der Definition vom Raum etwa, umso tiefer gehend merkt man, dass man selbst ein anderes Verständnis davon hat. Das hilft, die eigene Position zu entwickeln oder eine gemeinsame Position beispielsweise mit Kollegen zu finden. Umsicht wäre hier das bessere Wort. Rückbesinnung kann man sagen, wenn man sich dabei auf sich selbst zurückwendet.

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David Kasparek Liegt das aktuelle Fehlen an Theorie daran, dass den Akteuren die gleichen Bezugssysteme der Worte fehlen, und dass es unklar ist, worüber geredet wird. Versucht man, einen Kanon an Wörtern zu finden, deren Bedeutung klar ist? Mangelt es an der Sprache?
Eduard Führ Man verständigt sich nicht zuerst über eine Taxonomie und beginnt dann mit der Diskussion. Konsens wird erst dann zur Qualität eines wissenschaftlichen Diskurses, wenn er am Ende entsteht. Anfangskonsens zielt auf ein Wissenschaftsverständnis, bei dem man auf Nummer sicher gehen will, und das genau deshalb auch scheitert. Theorie ist ein Aufbruch; er beginnt stets als Widerspruch, der umso fruchtbarer ist, je mehr er selbst wiederum Widerspruch hervorruft.
Die Sprache ist, weil sie dem Denken doch sehr nahe ist, ein besonders gutes Instrument, diese Widersprüche zu eröffnen und Begrifflichkeit und Erkenntnis voranzutreiben; aber eigentlich nur dann, wenn sie als Kommunikation verstanden und benutzt wird. Theorie ist kein Hinausposaunen ewiger Wahrheiten eines einsamen Künstlers, es ist Kollaboration an der Begrifflichkeit, natürlich besonders am Begriff der Architektur, der Stadt, des Raums, der Kunst. Architekturtheorie ist ein Gespräch, bei dem ein neues Dazwischen entsteht.

David Kasparek Sie haben in Ihrem Vortrag von der Idee des Konjunktivs gesprochen…
Eduard Führ Ja, dabei geht es mir jedoch nicht um die grammatische Form, sondern um das Denken, das dahintersteht: der Konjunktiv hält in der sprachlichen Formulierung deutlich, wer spricht; dadurch wird der absolute Anspruch einer Äußerung relativiert.
Er macht das Subjektive des vom Subjekt Formulierten bewusst. Er zeigt Respekt vor dem Zuhörer, macht ihn eher zu einem Gesprächspartner. Er erleichtert Widerspruch. Das Deutlichhalten des Sprechenden als Subjekt dient nicht nur dem Gesprächspartner, sondern auch dem Sprechenden selbst. Das Bewusstsein seines Selbsts in seinem Sprechen führt zur Rückbesinnung – wenn ich das Wort doch noch einmal aufgreifen darf – auf die subjektive Subjekthaftigkeit, was es wiederum erleichtert, den Widerspruch offen entgegenzunehmen und zur Überarbeitung der eigenen Erkenntnis zu nutzen.
Der Konjunktiv dient ferner dazu, subjektiv vermutete Möglichkeiten und irreale Alternativen des Objekts zu formulieren, die sowohl zum Verständnis gebauter Architektur wie zum Entwerfen hilfreich sind. Lassen Sie mich als Beispiel die Fassade vom Loos-Haus am Michaelerplatz in Wien nennen: die Fenster in dem Gebäude sind ungeheuer spannungsreich. Die Brisanz dieser Fenster begreift man jedoch erst, wenn man überlegt: was wäre, wenn man andere Fenster einsetzen würde. Was birgt das Fenster für Bezugsmöglichkeiten, beispielsweise auf die Sockelgeschosse, oder in der Kombination mit den später hinzugefügten Geranienkübeln – Alternativen dienen immer dazu, Faktizität zu erkennen. Das Differenzielle, also das Erfassen des Konkreten – und das ist ja das Wichtige in der Ästhetik – gelingt, wenn man sich fiktive Alternativen vorhält.
Sprache hat genau diese Kraft, sie kann Möglichkeitsräume durchspielen, um Wirklichkeits-Räume zu erfassen. Sprache – konjunktivische Sprache – hat eine ungeheure Kraft.

David Kasparek Herr Führ, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Prof. Dr. phil. Dr. Ing. habil. Eduard Heinrich Führ (*1947), war nach Abitur und Abschluss seiner Lehre als Kaufmann tätig, ehe er 1979 in Kunstgeschichte promovierte und 1989 seine Habilitation vorlegte. Seit 1994 ist Führ Inhaber des Lehrstuhls Theorie der Architektur an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. 1996 gründete er die Internetzeitschrift ‚Wolkenkuckucksheim – Cloud-Cuckoo-Land – Воздушный замок’ und richtete 2005 den Master-Studiengang Architekturvermittlung ein.


Das Interview erschien in:

der architekt 1/09
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des Originalbeitrags