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Wir sind das Problem. Zur Lage der Windkraftanlage
Dreißig Jahre nach der Veröffentlichung der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome fordert David Kasparek ein Umdenken der Menschen – auch auf ästhetischer Ebene. In Anbetracht der Endlichkeit der Ressourcen könne es sich die Gesellschaft nicht länger leisten, an alten Sehgewohnheiten festzuhalten, so der Autor. Stattdessen müssen neue Formensprachen zur Nutzbarmachung erneuerbarer Energien und deren Auftauchen in der Landschaft akzeptiert werden.

Vor fünf Jahren veröffentlichte der Club of Rome das 30-Jahre-update seiner legendären Studie „Die Grenzen des Wachstums“. Einiges hat sich getan seit der in den siebziger Jahren zum ersten Mal veröffentlichten Mahnung an die Menschheit, ihr Handeln grundsätzlich zu überdenken. Einer der elementaren Kritikpunkte der Gegner der Studie von einst bezog sich auf die Zweischneidigkeit der Betrachtungsebenen: Auf der einen Seite eine Art worst-case-scenario in punkto Bevölkerungswachstum, Energieverbrauch und Umweltverschmutzung, dem auf der anderen Seite, wenn überhaupt, nur ein geringer Zuwachs an Wissen und Technologie zur Vermeidung eben solcher Phänomene gegenübergestellt worden sei. Grund genug also, die Studie auf ihre Haltbarkeit zu überprüfen. Das Ergebnis des updates ist jedoch mindestens genauso erschreckend wie der Vorgänger. Trotz Einbeziehung neu entdeckter Öl- und Gasvorkommen, trotz der inzwischen relativ rentablen Nutzbarmachung von Ölsand, trotz neuer Technologien und erhöhtem Einsatz erneuerbarer Energien, fällt die Studie von 2004 beängstigend aus: Wenn die Menschheit so weiter macht wie bisher, steht um das Jahr 2030 der Kollaps bevor. Die Menschheit müsste sich dann radikal ‚gesundschrumpfen’. Doch wer möchte in gerade einmal 20 Jahren schon freiwillig schrumpfen und dann auch noch radikal?
Offenkundig ist: die Gesellschaft benötigt Energie – und zwar in großen Mengen. Der digitale Bohème nun beruhigt sein Gewissen, verzichtet er doch, dank Fahrrad ohne Gangschaltung und Bremsen, auf das Auto, und dank Energiesparlampen auf den großen Stromfresser Glühbirne. Er arbeitet zu Hause vom Laptop aus und erspart sich und der Gesellschaft Reisekosten und die damit verbundenen CO2-Emissionen. Doch wenn man hinter diese ökologisch korrekte Fassade schaut, so stößt man auf Berechnungen, die davon ausgehen, dass eine einzige Anfrage bei der Internetsuchmaschine google genauso viel Strom benötigt, wie etwa jene 11-Watt-Energiesparlampe, die den Arbeitsplatz des google-Nutzers erhellt. Irgendwo laufen ja all die server, die unsere Anfragen bearbeiten – mit Strom. Ein Dilemma: Wir brauchen Energie, aber selbst wenn wir versuchen, sie zu sparen, verbrauchen wir – und zwar auf immer subtilere Weise.
Wir kommen also um die Energie nicht herum, es sei denn, wir stellen unsere Gesellschaft in mehr oder minder utopischer Art grundlegend auf den Kopf. Wollen wir aber so leben, wie bisher, stellt sich die Frage: wo kommt der Strom her, den wir brau chen. Wir verbrennen Kohle, Braunkohle oder Gas und müssen feststellen, dass diese fossilen Energieträger nicht nur endlich sind, sondern auch noch unter der Kontrolle von Staaten oder Unternehmen stehen, die wahlweise in der Lage sind, den Preis in immer neue Höhen zu treiben – oder aber den Hahn auch ganz abzudrehen.
Was bleibt, sind erneuerbare Energien. Und die Kernkraft. Kennt man jedoch die Bilder aus dem Unglücksreaktor Tschernobyl 4 und der benachbarten Stadt Prypjat in der heutigen Ukraine, wo der größte anzunehmende Unfall Realität geworden ist, und verfolgt man in den Medien Meldungen über neue Störfälle durch Brände im Atomkraftwerk Krümmel bei Hamburg, so wird schnell klar, dass Atomkernreaktionen zwar relativ viel Energie zur Verfügung stellen, dies aber mit immensen Risiken verbunden ist. Ganz davon abgesehen, dass die Entsorgung des Energieträgers Reaktorstab höchst kritisch ist (siehe der architekt 4/09 S. 56).
Dass ein Umdenken bereits in vollem Gange ist, belegen einige Zahlen: 1985, im Jahr vor dem Super-GAU von Tschernobyl, kamen rund 31 Prozent des Energiebedarfs in Deutschland aus Atomkraftwerken. 2007 sind es noch rund 22 Prozent. Per Gesetz wird die Einspeisung von Strom aus erneu erbaren Energien wie Wind oder Sonne gefördert. Nach Informationen der IHK Emden sind im Jahr 2005 durchschnittlich 71 Prozent des Stromverbrauchs im Bezirk Ostfriesland-Papenburg durch Windenergie gedeckt worden. Das Bundesland Schleswig-Holstein hat sich auf die Agenda geschrieben, ab 2020 den gesamten Stromverbrauch seiner Einwohner mit Windenergie zu decken. In der Summe wurde 2007 in Deutschland dennoch nicht einmal ein Zehntel des Bruttostromverbrauchs durch Windenergie bestritten: 6,4 Prozent machen Windenergie noch vor Wasserkraft zum wichtigsten Lieferanten erneuerbarer Energien in unserem Land. Objektiv betrachtet ist das skandalös wenig.

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Zeit für eine Neuberwertung Der gemeine Windpark und mit ihm die einzelne Windkraftanlage – jene Windmühlen der Neuzeit – sind dennoch in weiten Teilen der Bevölkerung nicht wohl gelitten. Wer sich ein wenig mit der Materie auskennt, kann schnell vorrechnen, dass die reinen Investitionskosten pro Kilowatt installierter Leistung bei Windenergieanlagen mit denen der Kohlekraftwerke durchaus vergleichbar sind: sie liegen bei etwa 800 Euro. Das seit 2008 im Bau befindliche Kohlekraftwerk bei Lünen kostet 1867 Euro pro Kilowattstunde. Windkraftanlagen erzeugen jedoch weniger Strom, so dass sogar die laufenden Kosten des Betriebs den Strom aus einem Kohlekraftwerk in der Summe günstiger machen, als den aus Wind gewonnenen. Hinzu kommt, dass Kohle- oder Atomkraftwerke kontinuierlich betrieben werden können, aber selbst der größte Windpark bei Windstille keinen Strom erzeugen und somit keine permanente Stromversorgung garantieren kann. Schlechte Argumente also für Windkraft – allerdings nur so lange wir noch Kohle haben, die wir verfeuern können.
Wer weniger mit solchen Zahlen und Fakten vertraut ist, den schreckt vor allem der optische Eingriff, der mit dem Bau einer Windkraftanlage oder gar eines ganzen Windparks einhergeht. Landauf, landab gibt es immer wieder Proteste von Anwohnern und Bürgervereinen, wenn ein solches Bauvorhaben bekannt wird. In der Regel steht dabei die Verschandlung der Landschaft im Zentrum der Argumentation, oft wird auch der Tierschutz ins Feld geführt: Vögel etwa, deren Flugrouten durch die sich drehenden Rotoren beeinträchtigt würden.
Da unsere Gesellschaft offenkundig nicht auf die großen Mengen Energie, die sie benötigt, verzichten kann oder will, bedarf es einer grundsätzlichen Neubewertung. Auch in Hinsicht auf ästhetische Kriterien. Wir können es uns nicht mehr lange leisten, Gebäude hässlich zu finden, deren Raumkonfigurationen nach Sonnenstandsdiagrammen, Lichteinfall und Speichermassenunterbringung erdacht werden, wir müssen unsere Sehgewohnheiten ändern, wenn Autos an uns vorbeirollen, deren Karosserien dem CW-Wert untergeordnet sind und deren technisches Inneres eine andere Fahrzeugform erzwingt, als bei den uns bekannten Fahrzeugen. Und wir müssen uns an den Anblick von Anlagen gewöhnen, die erneuerbare Energien nutzbar machen. Die Alternative wäre ein großflächiger Verzicht auf Energie. Da uns technische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, und sogar die Bundesregierung das Ziel ausgerufen hat, bis 2050 die Hälfte des Primärenergiebedarfs mit erneuerbaren Energien zu decken, ist es an der Zeit, unsere tradierten Sehgewohnheiten zu überdenken.
Es ist bekannt: Die Rohstoffe, die wir bislang zur Energieerzeugung nutzen, sind endlich – auch wenn ständig neue Energiereservoirs zugänglich gemacht werden. Sogar das kostenintensive Anzapfen von Öl- und Gasvorkommen jenseits der Shelfmeere wird inzwischen ernsthaft in Betracht gezogen – der hohe Verkaufswert der Rohstoffe macht es möglich. Doch wer sich in Zeiten des vierzigjährigen Jubiläums der ersten Mondbegehung durch Neil Armstrong und „Buzz“ Aldrin vor Augen führt, dass wir mit circa sechs Milliarden anderen Menschen auf einer relativ kleinen Kugel sitzen, dem wird klar, dass man aus dieser Kugel nicht bis in alle Ewigkeiten Rohstoffe herauspumpen kann. Auch die Erschließung neuer Ölfelder in der Tiefsee wird das Problem, auf das der Club of Rome bereits vor mehr als dreißig Jahren hingewiesen hat, nur verzögern, nicht jedoch lösen.

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Jedes einzelne Windrad stellt ohne Zweifel einen Eingriff in die Landschaft dar. Dabei jedoch von Natur zu reden, die beeinträchtigt würde, führt in die Irre. In unseren Breiten gibt es kaum noch ‚natürliche’ Natur. Was unsere Städte umgibt, ist Landschaft. Land- und forstwirtschaftliche Betriebe bestellen diese Landstriche, die von uns als Natur deklariert werden. Und erstaunlicherweise zeigt sich dabei, dass wir bei all diesen Eingriffen Tier- und Pflanzenwelt bei weitem unterschätzen: Auf den Zwickelflächen zwischen Autobahn und Auf- und Abfahrten etwa bilden sich kleine Reservate, in denen sich Pflanzen und Tiere vom Menschen nahezu unberührt entwickeln. Seeadler nisten in
Mecklenburg-Vorpommern auf Strommasten; inzwischen bringen Energieversorger von sich aus vorgefertigte Gitterkonstruktionen an den Enden der Ausleger dieser Masten an, die den Vögeln als Grundstock für ihre Nester dienen. Vorher nahmen die Vögel die Masten an allen möglichen Stellen in Beschlag, was zu Zusammenstößen mit dem Wartungspersonal führte – die neuen Körbe ermöglichen ein Nebeneinander und werden von den Adlern tatsächlich angenommen. Entlang einer Strommastentrasse in Südhessen wurde in den letzten Jahren ein Zuwachs an Tieren und Pflanzen, deren Bestand bedroht ist, festgestellt. Da unter den Stromleitungen der Bewuchs künstlich niedrig gehalten wurde, siedelten sich hier vor allem Pflanzen an, die sonst im Übergangsbereich der Waldränder zu finden sind. In Zeiten, in denen Felder jedoch auf ein Maximum bis an die Ränder der Wälder ausgedehnt werden, fallen solche Übergangszonen weg. Nach den Pflanzen kamen mit der Zeit auch die Tiere.
Auch mit Windkraftanlagen werden Tiere und Pflanzen klarkommen. Sie sind bei der Debatte um den Eingriff in die Landschaft weit weniger das Problem als der Mensch, der sich seine schöne Aussicht nicht verbauen möchte. Der Mensch und seine Eitelkeiten sind das Maß: Wir wollen uns den Blick auf die Küsten nicht verbauen, wir wollen auf den Hügeln der Mittelgebirge oder in den Ebenen des Küstenhinterlandes keine Windräder sehen. Aber auf die Energie für unsere Rechner und iPhones wollen wir auch nicht verzichten.
Tiere und Pflanzen machen es uns vor – sie kommen mit fast allem, was wir ihnen vorsetzen, zurecht. In der Regel ist das mit Einschränkungen verbunden. Wenn wir schon nicht auf Energie verzichten wollen, so sollten wir wenigstens Einschränkungen in Kauf nehmen: Sonnenenergie-Anlagen, Windräder, Wasserkraftwerke, was ist das schon gegen ein Reaktorunglück. Sukzessive wollen Regierungen den Anteil der erneuerbaren Energien erhöhen. Nun ist es an uns allen, dies zu unterstützen und zu akzeptieren. Klarzukommen mit den Windparks, die die Fahrt ins niederländische Zeeland, an die dänische Küste, oder einfach von Wolfsburg nach Berlin mitten durch Brandburg begleiten. Klarzukommen mit den vereinzelt und in großen Gruppen stehenden Windrädern in Eifel, Hunsrück oder Westerwald. Die Windräder sind nicht das Problem…


Der Text erschien in:

der architekt 4/09
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