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Sorry, I´m signature. Das Filmische in der Architektur von UN Studio
Ben van Berkel und Caroline Bos gehen in der Arbeit ihrer eigenen Taktik der Designmodelle nach. Zentrales Element stellt dabei die Forderung an die Architektur dar, ein „Nachbild“ zu erzeugen – jenes Bild, das beim Besucher erzeugt wird und haften bleibt. In dem Streben nach diesem Nachbild und der Überlagerung der verschiedenen Entwurfsparameter der Niederländer erkennt David Kasparek ein deutliches filmisches Element in der Architektur von UN Studio.

Betritt man das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart, bekommt man das Gefühl, es mit Filmarchitektur zu tun zu haben. Dabei geht es nicht so sehr um kulissenhafte und einzig die Oberfläche bedienende Architektur. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein: penibel sind Wege, Blicke und Atmosphären innerhalb des Gebäudes inszeniert. Es fängt damit an, dass der Bau, der von außen so gedrungen und fast schon behäbig in direkter Nähe zu Schnellstraße und Produktionswerk dasteht, im Inneren deutlich größer wirkt. Auch die bräsigen Rundungen der Aussenhülle werden von einem steil aufsteigenden Atrium im Zentrum des Museums gekontert, das den Blick derart nach oben zieht, dass gotische Baumeister ihre helle Freude an diesem Raum hätten.
Doch hier geht es um mehr als den Eindruck, dieser Bau gleiche im Inneren bestimmten Sequenzen, die den Betrachtern aus Filmklassikern wie Metropolis, StarWars oder Odyssee im Weltraum bekannt vorkommen. Diese Gedanken an Zukunftsutopisches stellen sich beim Betrachten der Szenerie nahezu zwangsläufig ein. Denn eine Szenerie, eine Kulisse ist es, mit der es der Besucher zu tun bekommt. Der Bau scheint nach einem stringenten Drehbuch organisiert zu sein: Den Architekten geht es nachweislich darum, ein Bild im Besucher zu wecken. Ein Bild, das vor dem geistigen Auge des Besuchers hängen bleibt. Dieses „Nachbild“ ist zentrales Element in der Architektur von Caroline Bos und Ben van Berkel. Nicht nur im Fall des Mercedes-Benz Museums, doch hier wird die Idee des afterimage besonders prägnant ablesbar. (1)
Gleich drei Aufzüge sausen im zentralen gedeckten Atrium stetig auf und ab, um die Besuchermassen in das oberste Stockwerk zu bringen. Zwar wird immer betont, dass die Besucher zwischen zwei sich nahezu endlos windenden Wegen wählen und diese auch immer wieder wechseln können, doch ein Startpunkt wird aus dramaturgischen Gründen vorgegeben. Immer wieder lenkt die Architektur die Blicke gezielt zu bestimmten Punkten. Zum einen werden mittels Architektur natürlich die Ausstellungsstücke selbst in Szene gesetzt. Zum anderen aber ist neben der Konstante des Wegs vor allem der geführte Blick stets präsent in diesem Bau. Durchblicke, Ausblicke, Einblicke und Weitblicke. Immer wieder. Nicht überall. Nein. Einzig an Stellen, an denen es dem Besucher gestattet ist, sich auf etwas anderes einzulassen als auf die Wagen der Daimler Benz AG.
Die sogenannten Mythenräume des Museums sind streng nach Innen orientiert. Jene Räume, in denen der Mythos um die Marke von der Entstehung der ersten motorisierten Kutschen über das Vordenkertum der Marke Mercedes-Benz bis hin zur Historie der Silberpfeile auf den Rennstrecken dieser Erde gesponnen wird, sind gen Atrium gerichtet – selbstreferentiell fast. Aber auch dies folgt der Logik eines Films. Kapitelgleich folgen diese nach innen gerichteten Räume aufeinander und lassen stets kurze Rück- und Ausblicke auf das zu, was war und das, was kommen wird. Dabei bleiben die Rückblicke jeweils nur kurz und ebenso unvollständig wie die Ausblicke auf den nächst tiefer liegenden Raum. Nie sieht man alles und doch immer etwas. Es wird ein kontinuierlicher Spannungsbogen aufgebaut, der bis in das Kellergeschoss auf etwas anderes, neues, noch nicht gesehenes hoffen lässt.

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Ganz anders die Kollektionsräume: sie öffnen sich grosszügig nach außen. Ihre Fensterfronten sind es, die in der Fassade des Baus als Bänder ablesbar sind, hinter denen wuchtige Stützen hin- und her mäandrieren. Hier werden, thematisch geordnet, einzelne Modelle gezeigt. Etwa Rettungs- und Einsatzfahrzeuge, Wagen namhafter Besitzer, Reise- oder Lastwagen. Nahezu zwangsläufig wecken diese Autos bei den Besuchern Erinnerungen an gewisse Momente ihres eigenen Lebens. Krankenwagen, die man aus dem Alltagsbild ebenso kennt wie Streifenwagen, den Unimog des Forstbetriebs, den Schulbus von früher oder die Staatslimousine, die man bei einem historischen Ereignis im Fernsehen gebannt verfolgt hat.
Mit dem Blick hinaus in den Stuttgarter Talkessel gewährt die Architektur den Besuchern, diesen Gedanken nachzusinnen. Die Autos ansehen, sich Gedanken machen und den Blick in die Ferne schweifen lassen – hier darf, hier soll man das. Das Drehbuch des Baus hat keine strikten Anweisungen wie bei den Mythosräumen im Repertoire.
Dieses Drehbuch ist Abbild der Vielschichtigkeit des Entwurfs von UN Studio. Die Geschichte der Marke, der Fokus auf die Erschließung, das Streben nach einem endlosen Raum, der sich schon im Entwurf für das Möbiushaus manifestiert, das sich Abarbeiten an den eigenen Design-Modellen und der Wunsch, beim Besucher jenes Nachbild zu erzeugen, ergeben in der Summe eine hochkomplexe Infrastruktur. Nur durch diese Überlagerung entsteht jenes Bild, das „einem im Kopf bleibt, wenn man ein gutes Buch gelesen, ein faszinierendes Gemälde oder einen schönen Film gesehen hat. Du erinnerst dich an sie, sie schaffen Erinnerungen.“ (2)
Dieses Drehbuch, das filmische Element, führt dann zu jener Form von Architektur, die eine Interaktion zwischen Projekt, dem Architekten und dem Publikum ermöglicht.
Diese Szenografie lässt sich als das deuten, was für Bos und van Berkel die „wahre Natur des Architektonischen“ ist. (3) Dabei spielt das Äußere der Architektur eine deutlich untergeordnete Rolle. Sie ist nur das Resultierende aus den Entwurf bestimmenden Parametern des scripts. Wie in einem Film erzählt das Haus eine story, die sich an einem exakt vorgedachten storyboard entlanghangelt, die dem Besucher jedoch regelmäßig eigene, weite Interpretationsspielräume offen lässt.
Im Inneren entsteht im Fall des Mercedes-Benz Museums ein Raumgefüge, das weit über eine reine Bildhaftigkeit hinausgeht. In seiner äußeren Form stellt sich der Bau dennoch als eines jener signature buildings dar, mit denen jede Kommune um die Gunst von Besuchern und Steuerzahlern buhlt. Doch das, so scheint es, ist nur ein ungewolltes Nebenprodukt einer Ikonographie, die im Innern nach Atmosphäre trachtet.

Anmerkungen 1 van Berkel, Caroline Bos „Nachbild“, in: Ben van Berkel, Caroline Bos, UN Studio. Designmodelle. Architektur, Urbanismus, Infrastruktur, Verlag Niggli, Sulgen/Zürich 2006, S. 370ff.
2 Ben van Berkel im Gespräch mit Florian Heilmeyer, Baunetz Crystal Talk 19
3 Positive note 6, in: van Berkel, Bos, UN Studio, 2006, S.182


Der Text erschien in:

der architekt 2/09
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des Originalartikels