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Geschichte weiterschreiben. Haus Dr. Böhner in Ratingen
David Kasparek bescheinigt dem Entwurf eines Einfamilienhaus von Sep Ruf in Ratingen tatsächliche Nachhaltigkeit. Im Gespräch mit dem Architekten des Umbaus, Hermann Klapheck, tritt das Potential des Gebäudes und die Stärke des sensiblen Eingriffs deutlich zu Tage.

Das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands: Nordrhein-Westfalen. Hier liegt Ratingen; in direkter Nähe zu Düsseldorf. Eigentlich liegt Ratingen genau neben dem Düsseldorfer Flughafen. Im Westen also die Einflugschneise und die Landebahn des zweitgrößten Flughafens Nordrhein-Westfalens und im Osten? Die Bundesautobahn A3. Hier verdichtet sich unsere Gesellschaft zu einem Konglomerat aus unterschiedlichen Bausteinen: Stadt, Land, Fluss. Düsseldorf, der Rhein, Dörfer, Schlafstädte, die nachts von den Pendlern bevölkert werden und tagsüber nahezu menschenleer sind, die Bahnlinie von Köln ins Ruhrgebiet − und alles zerfurcht von mehr oder minder stark befahrenen Autostraßen. Über die Autobahn hinweg schließt sich gen Osten der 1975 eingemeindete Stadtteil Hösel an den Kern der Gemeinde Ratingen an. Die Grundstücke sind groß, nicht wenige besitzen einen Swimmingpool, die Bebauung ist weniger dicht. Der Weg von Ratingen hierher führt an Wald- und Flurstücken vorbei.
Hier ist von der wenige Kilometer entfernten, geballten Gemengelage unserer Zivilisation wenig zu spüren: In unmittelbarer Nähe eines Tennisclubs steht ein Kleinod moderner Architektur. Unaufgeregt zwischen all dem Wust, der in den Werbespots für Bausparverträge als „Traum vom Eigenheim“ angepriesen wird, steht ein Bau von Sep Ruf. Auf den ersten Blick gibt sich diese zurückhaltende Architektur als ein Werk der Nachkriegsmoderne zu erkennen − eingeschossig, geweißte Mauerwerksscheiben, feine Fensterprofile. 1955 baute Ruf den Bungalow für eine Stieftochter Ludwig Erhards. Bereits 1960 erweiterte er den Bau um einen freistehenden Gebäudeteil für Gäste. Schon hier beginnt die Geschichte des Weiterbauens, die vorerst durch die Erweiterung durch den Architekten Hermann Klapheck 2003 abgeschlossen wurde. Dennoch hat man nicht den Eindruck, vor einer wahllosen Ansammlung von Bauteilen zu stehen – im Gegenteil. Nach wie vor wirkt der Bau, als sei er unangetastet und erstaunlich gut in die Jahre gekommen.
Ortswechsel: In seinem Büro in Recklinghausen sitzt der BDA-Architekt Hermann Klapheck bei einer Tasse Kaffee über die Pläne des Hauses in Ratingen gebeugt. Schnitte und Ansichten zeigen das Gebäude in seiner ganzen Einfachheit. „Einfaches gut zu machen kann so schwer sein“, sagt Klapheck und lobt den Bau Rufs in den höchsten Tönen. Selten habe er einen Bau gesehen und vor allem bearbeitet, der es ihm derart leicht gemacht hat. Und tatsächlich, das Haus in Ratingen besticht – wie auch andere Entwürfe Rufs – durch eine klare Einfachheit. Nichts an diesem Bau scheint überflüssig, nichts zufällig. Der zentrale Wohntrakt, an den sich im Nordosten der Trakt der Kinderzimmer und der Küche und im Südwesten der Teil der Elternschlaf- und Arbeitszimmer anschließen; alles scheint auf eine wohl ausgewogene Mischung aus dem was nötig und dem was möglich ist, reduziert. Der Mittelpunkt des Hauses aus Eingang, Wohnzimmer und Essplatz wird gerahmt von den funktionalen Trakten der Individualräume und der Küche. Zum Garten hin öffnet sich das Haus gen Nordwesten. Hier findet sich auch eine der baulichen Insignien Sep Rufs: der zweiseitig geöffnete Kamin, der als singuläres vertikales Element die Ansicht des Hauses gliedert.
Die Stringenz, die dem Haus innewohnt, so Klapheck, war es auch, die die Entwurfsfindung so verhältnismäßig einfach machte: Nicht um-, sondern weiterbauen sollte das Credo sein. Und so entschied sich Hermann Klapheck, die Details des Bestands soweit als möglich zu übernehmen und nur punktuelle Eingriffe vorzunehmen. Der Raum des Eingangsbereichs wurde nahezu verdoppelt, so dass ein echtes Entrée entstand, von dem aus der kleine Anbau im Südosten des Bestands erschlossen wird. Diese Erweiterung schließt im Süden bündig an die bestehende Gebäudekante an und nimmt die Traufhöhe des Ruf-Baus exakt auf. Für die neuen Wandscheiben konnte ein Klinkerstein gefunden werden, der dem von Ruf verwendeten auf das Haar gleicht. Die Mauern wurden im selben Verband ausgeführt wie der Bestand. Die Dachabdeckung des Ruf-Baus wurde straßenseitig entfernt, und als die räumliche Parallelverschiebung eines Bauteils auf die Attika des Neubaus aufgebracht. Für die neu entstandenen Attikaflächen wurden die Abdeckbleche exakt nachgebildet. Gleiches galt für Türen und Fenster. „Der Teufel“, so Hermann Klapheck bei der zweiten Tasse Kaffee, „steckte hier wortwörtlich in der Detailarbeit.“

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In die Detailzeichnungen in den Maßstäben 1:5 und 1:1 vertieft, erläutert er die komplexen Wirkungszusammenhänge zwischen den markanten Elementen eines Baus dieser Epoche und den Anforderungen, die heute an ein solches Haus gestellt werden. So war es nur mit Hilfe eines wahren Fachmanns möglich, die Details der fünf ziger Jahre zumindest für das ungeschulte Auge so nachzubilden, dass sie den hohen Anforderungen der Energieeinsparverordnung gerecht wurden: Ein spezieller Schlosser, selbst studierter Architekt, fand sich nach langer Recherche. Erst mit ihm wurde es möglich, die feinen, nur 30 Millimeter breiten Fensterprofile mit Isolierverglasung so auszuführen, dass sie zum einen statisch stabil sind und zum anderen den Dämmwerten von heute entsprechen.
Wo der Bau im Äußeren haarklein weitergebaut wurde, sollte sein Inneres deutlich umstrukturiert werden: Der neue Besitzer des Hauses forderte von Klapheck ein weiteres Kinderzimmer, ein Arbeitszimmer und vor allem die Umlegung der Küche. War Ruf in seinen Planungen noch von einer Küche ausgegangen, die in erster Linie von Bediensteten bespielt werden sollte, verstand der neue Hausherr die Küche als Teil des Wohnens und somit als weiteres Element der Mitte des Hauses. So wurde aus der alten Küche ein Kinderzimmer, Küche und Arbeitszimmer fanden im Anbau Platz. Darüber hinaus wurde eine Wand im Wohnraum aufgebrochen, so dass sie nur noch den raumbildenden Charakter eines eingestellten Möbels hat und nicht mehr zwei hermetische Räume voneinander trennt. Der Charakter dieses neuen fließenden Raums wurde durch einen weiteren kleinen Eingriff Klaphecks verstärkt: Die bestehende Wandscheibe, die im Norden an das Haus anschließt, wurde in den Innenraum hinein in Form eines raumhohen Bücherregals verlängert. Innen und Außen verknüpfen sich in der für den Zeitgeist des Originalbaus typischen Art.
Durch diese Eingriffe im Inneren gelingt es Hermann Klapheck, den Bau in einer für heutige Ansprüche angemessenen Weise neu zu gliedern. Um die Eingangshalle herum findet sich ein Gefüge von zentralen Wohnräumen der Gemeinschaft: Küche, Essplatz und ein großer Raum für die Familie. An diesen zentralen Trakt gliedern sich im Nordwesten der Bereich für die Kinder und im Südosten der Teil der Eltern an. Auch zur Straße hin greifen die Neuplanungen Klaphecks nur minimal und doch räumlich wirksam in den Entwurf von 1955 ein: Ein gemauerter Winkel im Duktus der bestehenden Mauerscheiben wird an der Grundstücksgrenze positioniert und schafft so einen Hof vor der Küche. Dieser stellt nicht nur einen äußeren Essplatz zur Verfügung, sondern stiftet dem gesamten Eingangsbereich des Hauses eine klare außenräumliche Fassung.
An diesem Beispiel wird klar, dass Nachhaltigkeit nicht zwangsläufig etwas mit dicken Wärmedämmpaketen, Dreifach-Verglasung oder Photovoltaikzellen zu tun haben muss. Hermann Klapheck bestätigt dies und meint, „durch die klaren Konfigurationen und das hohe Maß an Flexibilität, die Ruf seinem Entwurf zu Grunde gelegt hat, ist dieser Bau tatsächlich und grundlegend nachhaltig.“ Denn nur mit wenigen baulichen Eingriffen gelang es dem Architekten, das Haus an die heutigen Bedürfnisse anzupassen. „Der Entwurf war einfach – der Bau hat ja alles vorgegeben. Wirklich schwer war es, ihn dann den heutigen klimatechnischen Anforderungen gerecht werden zu lassen.“ Und in der Tat sind die Lösungen, die Klapheck für dieses Weiterbauen gefunden hat, nicht mit herkömmlichen Serienprodukten zu realisieren. Der Einsatz solch kostspieliger Sonderanfertigungen hat sich indes gelohnt: Hermann Klapheck ist mit diesem Anbau gelungen, ein Stück Architektur zu realisieren, das sich ganz in den Dienst des Bestands stellt und dabei doch aus den Anforderungen seiner Bewohner entstanden ist. Geschichte wurde sensibel weiter- und nicht in selbstherrlicher Weise umgeschrieben.


Der Text erschien in:

der architekt 5/08
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pdf-download des Originalartikels

Abbildungen 1 Sep Ruf, Haus Dr. Böhner, Ratingen, 1955, Abb.: Architekturmuseum der TU München.
2 Sep Ruf, Haus Dr. Böhner, Ratingen, 1955, Umbau: Hermann Klapheck Architekt BDA, 2002/2003, Grafik: der architekt.