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L-Bank, Karlsruhe 2008
Weinmiller Architekten, Berlin

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Stadtbaustein Die Zeit, in der wir leben, ist geprägt von Egozentrik. Wo man hinschaut, scheinen Menschen sich um nahezu jeden Preis in den Vordergrund spielen zu wollen, machen sich wichtig, wann und wo sie können. Das Fernsehen spült in immer kürzerer Folge neue Eintagsfliegen, deren einzige Befähigung darin besteht, sich für nichts, aber auch gar nichts, zu schade zu sein, in den Fokus der Wahrnehmung. Menschen veröffentlichen sich zunehmend – in TV, Radio und Internet. Da Architektur, wie andere Disziplinen des gestalterischen Ausdrucks, ebenfalls von Menschen gemacht wird, stellt es sich hier ähnlich dar: Unsere Städte sind geprägt von einem bunten Durcheinander, in dem nahezu jeder neu entstehende Baukörper versucht, noch ein wenig toller zu sein als der Rest. Noch bunter, noch höher, gläserner, transparenter, leuchtender, extrovertierter. Einigen wenigen Bauten mag es vergönnt sein, ihre besondere Funktion – etwa ihre gesellschaftliche Präsenz – auch formal zur Schau zur stellen. Wenn jedoch jedes Gebäude versucht, die jeweiligen Nachbarn zu übertrumpfen, sieht der Stadtmensch vor lauter Besonderheiten das Besondere nicht mehr. Das zu akzeptieren, scheint einigen Architekten jedoch immens viel abzuverlangen, fordert es doch von ihnen, auf den Bau eines eigenen, alles überstrahlenden Denkmals zu verzichten. Innerhalb dieses Wustes an vermeintlich Individuellem ist das normale und gut Gebaute zu einer beruhigenden Wohltat geworden.
Einen jener wohltuend zurückgenommenen Baukörper haben Weinmiller Architekten in Karlsruhe realisiert. Der Bau der L-Bank am zentralen Schlossplatz versucht nicht in Konkurrenz zu den historischen Architekturen in direkter Nähe zu treten, sondern gliedert sich als weiterer Baustein in das vorhandene stadträumliche Gefüge ein. Die Arkade, die den Schlossplatz säumt, wird ebenso fortgeschrieben wie die Anzahl der Geschosse und die Traufhöhe. Der Geist des Ortes wird hier weitergedacht, die fächerförmige Struktur der Stadt in den Gebäudekanten aufgenommen und ein auf dem Baufeld befindliches Bestandsgebäude in den Neubau integriert.
Die Architekten um Gesine Weinmiller und ihren Partner Michael Großmann nehmen sich die Freiheit, hier keinem falsch verstandenen Fetisch hinterher zu hecheln, weder dem Quadrat noch dem rechten Winkel auf unangemessene Art zu frönen. Erst im Innern des amorphen Tortenstücks verorten die Architekten einen idealtypischen Außenraum mit quadratischer Grundfläche – das Äußere offenbart sich als Teil eines Großen und Ganzen. Der Bau will Teil der Stadt sein, nicht die Stadt zu einem Teil seiner Umgebung degradieren. Mit seiner streng durchgerasterten Fassade gönnt das Haus dem Auge der Passanten zudem ein wenig Ruhe in einem von Aufregung geprägten Stadtgefüge. Darüber hinaus zeigen die Architekten mit dem Bau ein feines Gespür für einen adäquaten Umgang mit Materialien. Die massiv aufgemauerten Wände des Bankgebäudes, der Grad der Detaillierung und die Wahl des Steins sind jüngst zu recht mit dem Deutschen Natursteinpreis ausgezeichnet worden.
David Kasparek

Projektdaten
L-Bank, Karlsruhe 2008
Architekten: Weinmiller Architekten, Berlin, Gesine Weinmiller, Michael Großmann
Mitarbeiter: Nils Stelter, Nadja Häuple, Michael Zeichardt Thekla Pohl, André Lücke, Jörn Kriedemann
Standort: Schlossplatz 10, 76113 Karlsruhe
BGF: 21.500 m2
BRI: 65.700 m3
Wettbewerb: 2004
Fertigstellung: 2008


Der Text erschien in:

der architekt 4/09
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des Originalartikels