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Hybrid Highrise, Tiflis, Georgien 2009
Wandel Hoefer Lorch + Hirsch, Saarbrücken

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Systemische Interpretation Die Überlagerung unterschiedlicher Nutzungen galt bis vor kurzem als eine der größten zu überwindenden Hürden im Entwurfsprozess. Einhellig, so scheint es, hat sich die Architektenschaft von den Forderungen nach einer Trennung der Funktionen, wie sie noch in der Charta von Athen 1933 gefordert wurde, verabschiedet. Die „Renaissance der Städte“ – gemeint war eine erneute Etablierung von Mischnutzungen in den Stadtzentren, die im Zuge der Moderne zu monofunktionalen Arbeits- und Einkaufszonen geworden waren –, war in aller Munde. ‚Neues Leben in der Stadt’ oder ‚Wohnen im Zentrum’ wurde proklamiert. Privatheit in Zonen der Öffentlichkeit zu etablieren, ist dabei nach wie vor ein komplexer, räumlich zu denkender Vorgang.
Inzwischen wird jedoch immer deutlicher, dass es nicht mehr ausreicht, Innenräume nach bestimmten Theoremen an Außenräume anzubinden, Fassaden nach tradierten Proportionslehren zu gliedern oder die Architektur für neue Material- und Formexperimente zu öffnen. Architektur, die die Ökologie unberücksichtigt lässt, hat in Zukunft kaum eine Chance auf ein dauerhaftes Bestehen. So stehen Architekten einmal mehr vor der Herausforderung, einen weiteren Faktor in ihre Überlegungen einfließen zu lassen: Ökologie und ein verantwortungsvoller Umgang mit den endlichen Ressourcen müssen ebenso Grundlage des Entwurfdenkens sein, wie Proportion, Tektonik, Raum und Atmosphäre. Weder ist es möglich, einen im Äußeren harmonischen Bau nachträglich problemlos tektonischen Kriterien zu unterwerfen, noch kann tatsächliche Ökologie erreicht werden, wenn im Nachhinein mit Wärmedämmung oder Photovoltaikzellen versucht wird, die Energiebilanz des Gebäudes zu schönen. Architektur muss mehr denn je als Verquickung unterschiedlicher Systeme verstanden werden, deren Wirkungszusammenhänge von den Planern und Gestaltern erkannt und interpretiert werden.
Den Architekten von Wandel Hoefer Lorch + Hirsch ist mit dem Hybrid Highrise im georgischen Tiflis ein Bau gelungen, dem anzusehen ist, dass eine solche Überlagerung von Entwurfskriterien von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt hat. Durch die unterschiedlichen Nutzungen gelingt es dem Gebäude, in seiner Umgebung für neues Leben zu sorgen, und sich trotzdem in das Bild des Ortes einzufügen. Durch einen unregelmäßigen Wechsel von nur drei unterschiedlich tiefen Fassadenelementen wird eine bewegte Fassade erzeugt. Ebenso unregelmäßig sind Öffnungen in verschiedenen Größen über mehrere Geschosse in die Gebäudekubatur eingeschnitten. Durch sie wird das Haus betreten, sie sind Dachgarten oder Loggia und somit für das Element des gemeinschaftlichen Raums zuständig. Überdies bringen sie natürliches Tageslicht ins Innere des Baus.
Das Team von Wandel Hoefer Lorch + Hirsch hat ein Gebäude realisiert, das den technischen wie funktionalen Anforderungen gerecht wird und das ästhetische wie ökologische Ansprüche mehr als erfüllt. Ohne ein ganzheitliches systemisches Denken von Beginn der Planungen an, ist so ein Ergebnis undenkbar.
David Kasparek

Projektdaten
Hybrid Highrise, Tiflis, Georgien 2009
Architekten: Wandel Hoefer Lorch + Hirsch, Saarbrücken
Adresse: 34 Tschavtschavadze Avenue, 0160 Tbilissi, Republic of Georgia
Typologie: Einkaufs- und BürogebaÅNude
Wettbewerb: August 2005
Baubeginn: Januar 2007
Fertigstellung: Sommer 2009
BGF: 35.000 m2
Gesamtbaukosten: ca. 33 Mio. US Dollar


Der Text erschien in:

der architekt 3/09
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des Originalartikels