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friedwurm-Gründungspartner David Kasparek ist seit jeher großer und bekennender Fan des Fußballvereins Werder Bremen. Dieser hat zu Beginn der diesjährigen Bundesligasaison einen Vertrag mit dem umstrittenen Unternehmen Wiesenhof abgeschlossen. Aus diesem Anlass ein offener Brief an den Präsidenten von Werder Bremen, Klaus Fischer, den Aufsichtsrat und die Geschäftsführung:


Sehr geehrter Herr Fischer,

sehr geehrte Herren des Aufsichtsrats und der Geschäftsführung,

ich war noch keine vier Jahre alt, als sich meine Eltern aufmachten, um aus Bremen wegzuziehen. Seitdem ist die Hansestadt ein Ideal meiner Vorstellungen geworden, untermauert von Besuchen in den Ferien oder an (Fußball-)Feiertagen. Als ich, keine drei Jahre später im südhessischen anfing Fußball zu spielen waren alle um mich herum entweder Bayern-München- oder Eintracht-Frankfurt-Fans. Für mich war von Beginn an klar, dass mein Verein nur der aus unserer Heimatstadt sein könnte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal, wie die Mannschaft heißt, wo ihr Stadion liegt und welche die Vereinsfarben sind.

Erst mit der Zeit lernte ich, dass das Stadion in Bremen dort liegt, „wo die Weser einen Bogen macht“, dass die schönste Farbkombination der Welt Grün/Weiß ist, wer Jonny Otten, Rune Bratseth, Mirko Votava, Uli Borowka, Dieter Eilts und, ja, Klaus Allofs und Thomas Schaaf sind.

Mit Begeisterung drängte ich meine Eltern, das UEFA-Pokal Finale der Pokalsieger 1992 schauen zu dürfen, bejubelte die beiden Tore durch Klaus Allofs und Wynton Rufer und war völlig perplex, dass selbiger nach dem Spiel auf Händen über den Platz gehen konnte.

Ein Jahr später stand ich jubelnd vor dem Stadion. Eine Karte für das letzte Spiel der Saison gegen den VfB Stuttgart hatte ich nicht, die Tore zum 3:0 gegen die Schwaben durch Thomas Wolter und Bernd Hobsch aber am Radio im Schrebergarten meiner Großeltern in Gröpelingen mitgehört und danach Zeter und Mordio geschrien, bis man mit mir doch noch zum Stadion fuhr.

Die Liebe zum Verein hält seitdem an. Freunde und Bekannte von mir, die keinerlei Bezug zu Stadt oder Verein hatten, haben sich durch dieses Feuer und vor allem – und das war bislang Ihr Verdienst, sehr geehrte Damen und Herren – von dem wofür Werder Bremen als Institution stand, anstecken lassen. Dabei spielt tatsächlich keine Rolle, ob es die von den Medien so gerne apostrophierte „Werder-Familie“ je gab oder nicht. Viel wichtiger ist, dass Sie es geschafft haben, ein Image zu erzeugen: Mit der Treue zu Spielern und dem Trainer, dem andauernden Vertrauen, das Sie ihnen, wie auch dem Geschäftsführer entgegen gebracht haben, mit der Tatsache, dass das Weserstadion noch Weserstadion heißt und die Namensrechte nicht an einen beliebigen, meistbietenden Sponsor verkauft wurden. Dass der kurze Zeit nach dem Beginn der Ära „Schaafs/Allofs“ einsetzende und viele Menschen im ganzen Land begeisternde Spielstil und die Entdeckung von verborgenen Talenten jedweden Alters damit einher ging, ist nur ein Teil Ihres Erfolges.

Auch wenn Werder nie mehr war, als ein ganz herkömmlicher Fußballverein, der, zugegebener Maßen, angemessen und eben „hanseatisch“ maßvoll wirtschaftet, bei dem es letztendlich auch „nur“ darum geht, dass die Quartalszahlen stimmen und am Ende des Geschäftsjahres neben sportlichen auch ein wirtschaftlicher Erfolg steht – das Image, das Sie dem Verein in den letzten Jahren verpasst haben, vermittelt einen anderen Eindruck.

Und dieses Image, dieses Bild des Vereins Werder Bremen, als ein Gegenentwurf zu den auf Schuldenbergen errichteten, kurzfristigen Erfolgen, die mit immensem monetären Aufwand und personellem Verschleiß erkauft sind, war (und ist es noch) eines der größten Pfunde der SV Werder Bremen GmbH & Co. KgaA. Viele Fans haben sich auch wegen dieses Bildes mit dem Verein identifiziert, Merchandise-Artikel gekauft, sind ins Weserstadion und zu den Auswärtsspielen gegangen und haben vor, während und nach dem Spiel Haake-Beck und Stadionwurst konsumiert. Sponsoren haben sich wegen dieses Images dazu entschieden bei Ihnen zu werben – und nicht bei anderen Vereinen, die für ein anderes Bild stehen. Die Sympathie, die Werder Bremen in den letzten Jahren deutschlandweit entgegen kam, gründete nicht zu letzt auf diesem Bild. „Eigentlich bin ich ja Fan von diesem oder jenen Verein – aber Werder finde ich auch gut“, war und ist ein oft gehört Satz in der Fußballszene. Wenn man von einer anderen Hansestadt absieht, so war ich als Auswärtsfan stets gerne gesehen, in den Bahnen und Bussen in Köln, Mönchengladbach, Bochum, Dortmund, Frankfurt, Hoffenheim oder Berlin. (Sie entschuldigen mögliche Redundanzen, aber es liegt mir am Herzen, und deswegen erneut:) Wegen des Bildes, dass der Verein Werder Bremen nach außen abgab und in Teilen auch noch abgibt.

Dass dieses Bild, mit der großen und glücklichen „Werder-Familie“, dem andersdenkenden Wirtschaften und dem sympathisch Maßvollen nicht stimmt, wurde in den letzten Jahren immer wieder auch von Ihrer Seite betont – nicht zu letzt von Ihnen persönlich, Herr Allofs. Wie sehr sich aber viele Fans geirrt haben, ich eingeschlossen, zeigen die aktuellen Vorgänge rund um den Vertragsabschluss mit dem neuen Hauptsponsor „Wiesenhof“.

Hier wird offengelegt, dass Sie von Seiten des Vereins nicht nur keine Handhabe gegen das Diktat einer Vermarkterfirma haben, die Ihnen ein höchst kritisch anzusehendes Unternehmen andient sondern vor allem, wie sehr Sie sich, Herr Allofs und Herr Filbry, dabei zu Marketing-Marionetten dieser Firma machen, deren Ziel einer Reinwaschung von Skandalen der Vergangenheit durch das Engagement bei einem der wohl sympathischsten Fußballvereine Deutschlands am Ende aufgehen wird.

Ihnen sollte dabei klar sein, dass das Image des Vereins – und wieder sei dahingestellt, ob dieses mit Recht oder Unrecht Bestand hatte – durch den neuen Hauptsponsor und den Umgang der Verantwortlichen nachhaltig geschädigt wurde. Die Steilvorlage die dem Boulevard damit geliefert wurde, hat sich inzwischen mit den erwartbar niveaulosen Wortspielereien zudem als verheerend für das öffentliche Bild des Vereins ausgewirkt.

Die Argumentationen, dass „Wiesenhof“ Autos mit Biogas und -diesel betreibt, Ställe mit Photovoltaikanlagen zur Erzeugung „grüner“ Energie ausstattet und auch (sic!) Bio-Hähnchen im Sortiment hat, und damit den Werten entspräche, für die Werder angeblich stünde, ist, so sie denn ernst gemeint ist, erschreckend naiv und ließe auf eine Geschichtsblindheit schließen, die ich Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, schlichtweg nicht zutraue.

Auch die Fragen, die sich in der Folge des Vertragsabschlusses mit „Wiesenhof“ und dem Umgang mit Fan- und Medienkritik stellen, werfen kein gutes Licht auf Werder und sind ganz einfach imageschädigend.

Klar ist, dass Sie den Vertrag nicht einfach kündigen können und dies wohl auch nie tun werden. Ebenso klar ist, dass der Protest der Fans im Laufe der Zeit leiser werden wird, bis er in gar nicht all zu ferner Zukunft ganz verstummt ist. Auch die wortspielenden Hänseleien der Medien werden bald weniger werden. Das Bild von Werder in der Öffentlichkeit aber, das wird nachhaltig gelitten haben – und damit auch Werder Bremen als Marke.

Ich persönlich werde in den nächsten zwei Jahren der Vertragsdauer mit „Wiesenhof“ kein Werderspiel besuchen. Weder dort, wo die Weser einen Bogen macht, noch sonst wo. Und offengestanden hoffe ich, dass möglichst viele Anhänger das ähnlich handhaben werden – auch wenn ich weiß, dass dem nicht so sein wird.

Mit freundlichen Grüßen aus Berlin verbleibe ich in grün-weißer Verbundenheit, enttäuscht Ihr

David Kasparek
Berlin im August 2012